DIE CHARTREUX-KATZE, EINE WIEDERHERGESTELLTE RASSE
Eine interessante Rasse von sehr altem Ursprung und klar definiertem Typ, von der mehrere Exemplare auf Belle-Île-en-Mer wiedergefunden wurden und mit denen Zucht und Selektion in Angriff genommen werden konnten.
Die Chartreux-Katze, oft mit der Blauen Britischen (Blue British) oder der Russisch Blauen (Blue Russian) gleichgesetzt, ist noch wenig bekannt.
Diese Rasse war vor einigen Jahren im Begriff, ganz zu verschwinden, und es war ein glücklicher Zufall, der uns einige Exemplare wiederfinden und die Zucht aufnehmen ließ.
Gegenwärtig kennen wir in Frankreich kaum eine andere Zucht als die unsere. Zu nennen sind jedoch die Bemühungen von Herrn und Frau Trafford, die ein Paar von großer Schönheit besitzen, dessen Kater Hector de Guerveur kurz davor ist, Champion zu werden.
URSPRUNG. Der Ursprung der Chartreux-Katze ist noch sehr wenig bekannt. Seit etwa zehn Jahren züchten wir diese Rasse und wollten ihren Ursprung kennenlernen; leider waren unsere Bemühungen, den Stamm und den Standard dieser Katzen aufzuspüren, nur relativ von Erfolg gekrönt. Gewiss ist, dass es sich um eine klar abgegrenzte Rasse handelt, die keiner anderen gleichgesetzt werden kann. Der Name Chartreux wurde nämlich nicht erfunden, er ist keine vage Bezeichnung, sondern der Name der Rasse selbst.
In der Ausgabe von Buffons Histoire naturelle von 1756 (Bd. 6, S. 12) haben wir eine Beschreibung dieser Katze gefunden, die er „Chat des Chartreux" nennt und von der er sogar eine Tafel gibt (Taf. IV). Leider sagt Buffon kaum etwas über die Farbe dieser Katze (aschgrau) und nichts über die Augenfarbe oder den Körperbau. Dennoch ist auf der Tafel leicht zu erkennen, dass es sich um eine Katze mit sehr langem Rücken handelt, ziemlich hochbeinig und mit langem, spitz zulaufendem Schwanz. Der Kopf lässt sich daran schwer beurteilen.
René Primevère Lesson spricht in seinem Handbuch der Säugetierkunde, Ausgabe von 1827, von den Gattungen Felis Catus nach Linné und nennt vier Varietäten: die Hauskatze, die Spanische Katze, die Angorakatze und schließlich die Chartreux-Katze (Felis cæruleus).
In der großen Enzyklopädie von Trouessart, Seite 877, findet sich ebenfalls eine Erwähnung der Chartreux-Katze. Trouessart nennt sie Chat des Chartreux (Felis domesticus cæruleus) und glaubt, sie sei eine Kreuzung aus der ägyptischen Katze und Felis manul. Wir sind weit entfernt von der blauen Katze Russlands und Großbritanniens.
Es ist daher erlaubt zu glauben, dass der Name Chartreux einen authentischen Ursprung hat, den wir leider nicht wiederfinden konnten, und es ist wahrscheinlich, dass in einer Kartause die Patres diese Rasse gezüchtet und selektiert und ihr ihren Namen gegeben haben, so wie es beim Hund vom Großen Sankt Bernhard der Fall war, der von den Mönchen gezüchtet und selektiert wurde.
WIEDERHERSTELLUNG DER RASSE
Unsere ersten Tiere sind französischer Herkunft; sie wurden in Frankreich gefunden, und wir haben nichts aus dem Ausland eingeführt.
Schon im ersten Jahr unserer Niederlassung auf Belle-Île fielen uns Zahl und Schönheit einiger blauer Kurzhaarkatzen auf, die man in Le Palais „die Katzen des Hospitals" nannte (ein von einem Orden geführtes Hospital). Auch auf dem Land fanden wir solche Katzen wieder, und bemerkenswerterweise hatten alle denselben Typ und bewahrten trotz Kreuzungen mit den europäischen Katzen der Gegend die Merkmale der Rasse.
Wir erwarben mehrere dieser Katzen (ich darf sagen, dass wir inzwischen alle schönen Tiere der Insel zusammengebracht haben) und erzielten schon in der ersten Generation bemerkenswerte Ergebnisse. Bereits bei der ersten Verpaarung eines blauen Katers mit einer blauen Katze hatten wir einen Wurf aus lauter blauen und typgerechten Kätzchen. Es scheint also, dass dies mehr als ein Zufall war: unserer Ansicht nach offensichtlich die Wiederherstellung einer Rasse, die im Lauf der Jahre und trotz Kreuzungen ihre wesentlichen Merkmale bewahrt hat.
Von der ersten blauen Katze, die wir in Le Palais erwarben, Marquise, die wir mit einem blauen Kater des Hospitals, Coquito, verpaarten, wurde die berühmte Mignonne geboren, die später internationale Championne wurde, Inhaberin des belgischen Challenge-Pokals und des Pariser Ästhetikpreises 1933 (Cat-Club de Paris) für die ästhetischste Katze der ganzen Ausstellung, beurteilt von Miss Wade, die sie 1931 in Paris richtete: „the most beautiful Cat of Chartreux in the World".
Mignonne war der Stamm unserer Zucht, und angesichts ihrer Erfolge ist es erlaubt, den Typ der Rasse auf sie festzulegen.
Nun ist Mignonne weder eine Blue-British noch eine Blue-Russian. Die Blue-British ist eine massige Katze mit goldenen Augen; die Blue Russian eine schlanke Katze mit grünen Augen. Mignonne ist eine schlanke Katze mit goldenen Augen.
IDEALTYP
Allgemeines Erscheinungsbild: Äußerst elegant, von angeborener Anmut (was ihr den Ästhetikpreis eingetragen hat), ist sie nicht sehr groß, eher zierlich. Der Kater ist stärker, kräftiger und größer; dennoch darf er keinen zu schweren Knochenbau haben und muss auch er, selbst in voller Kraft, seine Linie und seine Eleganz bewahren.
Kopf: Er erinnert in seiner länglichen Form und ohne Hängebacken (bajoues) stark an den des Siamesen. Nasenspiegel silbergrau, je nach Fell mehr oder weniger dunkel; er darf keinesfalls rosa oder depigmentiert sein. Lefzen: sehr dunkelblau, fast schwarz, ebenso der Gaumen. Augen: blassgolden bei Mignonne; später haben wir bei einigen ihrer Kinder (Gouerch) und Enkel (Hoëdic) kupferfarbene Augen erzielt, und diese Farbe soll man anstreben. Oft bemerkt man einen grünen Schimmer im Auge, doch durch Selektion gelingt es, ihn zu beseitigen. Ohren: groß, gerade aufgerichtet; sie verleihen der Katze ein wachsames Aussehen.
Schädel: ziemlich flach und ziemlich schmal, in der Form ganz dem des Siamesen gleichend. Kiefer: ziemlich kräftig, gut geschlossen. Wangen: trocken und ohne Hängebacken (bajoues), besonders bei der Katze. Nase: ziemlich lang, ohne ins Übertriebene zu verfallen, vorzugsweise mit einem leichten Einschnitt am Ansatz, der der Schnauze eine gut abgesetzte Form gibt. Hals: lang; er trägt zur Linie der Katze bei und lässt sie sich gut tragen, wenn sie aufmerksam den Kopf hebt.
Körper: die Schulter ist lang, gut angesetzt, mit schöner Wölbung; sie ist gut bemuskelt; der Unterarm setzt sie dem Auge angenehm fort und ist ebenfalls lang und schlank. Pfote: rund, klein, von exquisiter Feinheit; Ballen dunkelgrau, fast schwarz.
Brust: tief, bis auf Ellbogenhöhe herabreichend, und breit. Rücken: lang, gut bemuskelt, äußerst geschmeidig. Bauch und Flanke: der Bauch, wenig entwickelt, muss der des Raubtiers schlechthin sein; die Flanke hängt wenig herab und beschwert die Linie des Körpers im Ganzen nicht. Hinterhand: die Kruppe muss abfallend sein, aber die Linie des Rückens fortsetzen. Schenkel: sehr muskulös, lang, mit einer, wie bei der Schulter, dem Auge angenehmen Rundung. Schwanz: ist eines der Hauptmerkmale dieser Katze, sehr lang, spitz zulaufend, hoch und fröhlich getragen.
Fell: die Farbe reicht von Silbergrau bis Schieferblau. Mignonne und Hector sind sehr hell, von einem silbrigen Ton, der an Pfoten und Schnauze heller wird: das ideale Fell. Leider scheint es, dass dieses helle Fell mit dem blassgoldenen Auge einhergeht; tatsächlich haben Gouerch und Hoëdic, die kupferfarbene Augen haben, ein schieferfarbenes Fell. Es ist nicht mehr das kleidsame Gewand von Mignonne und ihrem Sohn, aber das Auge gewinnt an Schönheit. Weiße Haare im Fell und ein Fleck sind ein Disqualifikationsfehler. Oft sind diese Katzen als Junge mehr oder weniger mit dunklerem Blau gestreift; mit dem Alter müssen diese Schatten jedoch völlig verschwinden.
Haar: die Textur des Haares muss wollig sein, und beim Streicheln gegen den Strich muss man den Eindruck haben, Samt zu berühren; mit anderen Worten: kurzes, wolliges, dichtes Haar. Haut: wenn man das Haar aufbürstet, erscheint die Haut gleichmäßig blau, ohne jeden weißen oder rosa Fleck.
Gewicht und Größe: Katzen wiegen 2,5 bis 3 kg, Kater 3 bis 4 kg. Kastrierte Tiere können dieses Gewicht natürlich überschreiten. Die Größe ist die des Siamesen. Gang: geschmeidig, sehr katzenhaft. Fehler: weiße Haare, eine andere Fellfarbe als Blaugrau; Streifen im Fell bei Erwachsenen, schwere Struktur, übertriebene Größe und übertriebenes Gewicht, schwerer und massiger Kopf, Hängebacken, grüne Augen. Disqualifikationsfehler: weißer Fleck im Fell.
PUNKTESKALA: Allgemeine Struktur, 20; Augenfarbe, 20; Kopf: Ohren, 5; Nase oder Schnauze, 5; Wangen, 5; allgemeine Form, 5; Haartextur, 10; Fellfarbe, 20; Schwanz, 10. Gesamt, 100.
EIGENSCHAFTEN UND FÄHIGKEITEN
Die Chartreux-Katze ist vor allem ein Jäger aus Atavismus. Das ist ihr Zweck, und wenn Katzenwettbewerbe möglich wären, würde ich nicht davor zurückschrecken, meine Tiere mit den berühmten Rattenfängerkatzen von Le Havre antreten zu lassen. Gerade darin ist diese Rasse so interessant, denn sie verbindet mit der Schönheit die Eigenschaften der Katze schlechthin. Der Grund, aus dem sie geschaffen wurde, ist erfüllt, und wir haben es nicht mit einer jener faulen Verwandten zu tun, die sich Tag und Nacht räkeln.
Wenn ich in milden Nächten meinen alten Dolcis hinauslasse, bringt er mir jeden Morgen auf die Schwelle eine jener riesigen Küstenratten, so groß wie ein sechs Monate altes Kätzchen, von denen das Land verseucht ist. Er jagt auch die blaue Ratte unserer Speicher, die als unfangbar gilt.
Espiègle fing mit 4 Monaten vor einem Mäusenest, das ich ihm unter Mais gezeigt hatte, im Handumdrehen zwei Mäuse im Maul und eine unter jeder Pfote. Der junge Fftfft fing mir mit zwei Monaten eine Feldmaus, und ich musste böse werden und ihn schlagen, damit er sie nicht fraß. Augenweide, Frieden des von Nagern befreiten Heims: das ist die Chartreux-Katze.
Von unabhängigem Charakter mag sie es nicht, hochgehoben zu werden; sie lässt sich von ihren Herrschaften streicheln, misstraut aber Fremden; sehr schmusig und zärtlich zu Menschen, die sie kennt, ist sie es weniger zu ihresgleichen; und in der Familie gibt es oft Streit! Ich habe unter anderem gesehen, wie Mignonne einer ihrer Töchter, die sie neckte, mit der flachen Pfote eine Ohrfeige gab, und es ist das Lustigste, was ich je beobachtet habe.
FÜHRUNG DER ZUCHT
Die Chartreux-Katze ist sehr robust; obwohl sie wie ihr Freund, die Europäische Katze, dem schrecklichen Typhus [Katzenseuche] einen ziemlich hohen Tribut zahlt, ist sie widerstandsfähiger als die Perserkatze und unendlich mehr als die Siamkatze.
Auf Belle-Île haben wir wegen der Feuchtigkeit und des Windes ein äußerst raues Klima, und ich musste darauf verzichten, Siamesen zu züchten, die alle an Schnupfen starben. Meine Perser halten es ziemlich gut aus; meine Chartreux sind „zu Hause".
Obwohl ich Katzenhäuser eingerichtet habe, lasse ich meine Chartreux frei laufen, sooft ich kann; nur Katzen, die kurz vor der Rolligkeit stehen, und streunende Kater sind stets eingesperrt.
Als Nahrung gebe ich ihnen auf dem Land eine fast ausschließliche Fleischkost; in der Stadt mäßige ich den Fleischverbrauch. Ich verhindere stets, dass sie ihre Beute fressen, wenn es möglich ist, denn ich habe echte Vergiftungsfälle durch Ratten und Maulwürfe festgestellt; im Übrigen jagen sie, gut genährt, aus Vergnügen und bringen ihre Beute fast immer zurück.
Die Katzen sind ziemlich fruchtbar; dennoch ist es die Ausnahme, dass sie mehr als einen Wurf pro Jahr haben; ich strebe dies im Übrigen nicht an, denn es würde sie ermüden. Die Kätzchen kommen zu 3 oder 4 zur Welt; ich besaß jedoch eine Katze, die mir jedes Mal 8 Kätzchen gab, was nicht anzustreben ist, da die Kleinen schwach geboren werden und sich schlecht aufziehen. Wann immer möglich und bei günstigem Wetter werden die Kätzchen in Freiheit aufgezogen und nur nachts oder bei schlechtem Wetter hereingeholt. So erhalte ich sehr kräftige Tiere.
Diese Katzen brauchen wenig Pflege; auf dem Land bleibt ihr Fell stets sauber; ein einfaches Bürsten vor der Ausstellung genügt.
Es gibt derzeit keinen Club der Chartreux-Katze; die Gründung eines solchen Clubs wäre zu prüfen und sicherlich interessant, denn die Zahl ihrer Freunde wächst von Tag zu Tag.
HAUPTCHAMPIONS
Mehrere unserer Zöglinge haben die Championwürde erlangt, und es sind die einzigen Champions, die ich in Frankreich kenne. Internationale Championne: Mignonne de Guerveur, die insbesondere 38 Preise gewonnen hat, darunter 20 erste, 6 C. A. C., 12 Sonderpreise und Ehrenpreise. Ihre Tochter, internationale Championne Gouerch de Guerveur der Société centrale féline, des Club des Amis des Chats; Inhaberin von 17 ersten Preisen, 4 C. A. C., 6 Sonderpreisen usw., die bei ihrem letzten Auftritt in Paris im Januar 1935 den Ehrenpreis für den schönsten kurzhaarigen Champion erhielt; ferner ein Sohn von Mignonne, Hector de Guerveur, kurz davor, Champion zu werden, der ebenfalls in Paris im Januar 1935 den Challenge-Pokal für das schönste Kurzhaar der ganzen Ausstellung gewann; ein Urenkel von Mignonne, der schöne Hoëdic de Guerveur, Inhaber von 15 ersten Preisen, 4 C. A. C., P. S. und F. H., derzeit ebenfalls internationaler Champion.
Unsere Zucht erhielt 1933 den Ehrenpreis des Präsidenten der Republik, der der schönsten Zucht kurzhaariger Katzen zuerkannt wird.
ZUKUNFT DER RASSE. Diese Rasse ist noch wenig bekannt (davon zeugen die abwegigen Bemerkungen der Besucher auf den Ausstellungen), und es ist zu wünschen, dass unsere Vereine die Rasse rasch bekannt machen und zeigen, dass sie ihre eigenen Merkmale, ihr eigenes Interesse und ihren eigenen Nutzen hat.
C. LÉGER.